Gedanken zu Johann Peter Hebel anlässlich seines 200. Todestages

Schuldekan Dr. Ralph Hochschild

Am 22. Sept 2026 jährte sich der Todestag Johann Peter Hebels zum zweihundertsten Male. 

Das ganze Jahr über finden Veranstaltungen statt, bei denen der erster Prälat unserer Evangelischen Kirche ganz zu Recht und verdient als volkstümlicher Dichter alemannischer Gedichte, als genialer Erzähler in den Kalendergeschichten und als Inspiration für unsere zeitgenössische Literatur gepriesen und verstanden wird. Mein Eindruck ist: Über den Dichter Hebel ist alles gesagt – still bleibt es hingegen um den Theologen Hebel. Dabei können uns seine sympathischen Gedanken über Glauben und Leben Impulse für unser Glauben und Handeln geben.
 
Hebel ist ein Liebhaber der Bibel. Er begegnet ihr mit tiefem Respekt. Deshalb ist ihm wichtig, die biblischen Erzählungen in ihrem Zusammenhang zu lesen und sich nicht nur diejenigen Bibelstellen herauszupicken, die einem gerade passen. Das empfindet er als Missbrauch der Bibel. In “Gutes Wort, Böse Tat” [Link] zeigt er das auf eine urkomische Weise.
 
Hebel hat keine Scheu, sich auf die moderne Welt und Naturwissenschaft einzulassen. Eine naturwissenschaftliche und religiöse Sicht auf unsere Welt schließen sich für ihn nicht aus. Wie wir aus neuesten Untersuchungen über unsere jungen Kirchenmitglieder wissen, hängt für sehr viele an dieser Frage, ob sie Christen und Kirchenmitglieder bleiben wollen und können. Hebel jedenfalls beschreibt in seinen “Allgemeinen Betrachtung über das Weltgebäude” [Link] seinen Lesern die neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über Sonnensystem, um über die Sonne anzufügen: Sie “verbreitet doch rings um sich bis zu dem letzten, so viel Licht und Wärme und Segen als jedem nötig ist, und der unsichtbare Gott, der sie erschaffen hat, ist mit seiner Allmacht und Güte überall zugegen, und sättiget und erfreut alles, was da lebet, mit Wohlgefallen.” 
 
Hebel war tolerant und wertschätzend gegenüber Menschen anderen Glaubens. Er kann nicht nur das beispielhafte Verhalten eines katholischen Priesters loben, [Link] ganz beiläufig schreibt er in einer Kalendergeschichte vom “Morgenland, wo unser Glaube, unsere Fruchtbäume und unser Blut (=”Verwandtschaft” R.H.) daheim ist”. [Link] Hebel trat - anders als andere Aufklärer - für Toleranz gegenüber den Juden und für ihre bürgerliche Gleichberechtigung ein. Moses Mendelssohn [Link], dem Freund Lessings, dessen Bücher Hebel besaß und eifrig studierte, setzt er ein Denkmal, in dem er ihn als lebensklugen Menschen zeigt, der bleiben möchte, was er ist: ein Mensch jüdischen Glaubens. Überhaupt hat Hebel großen Respekt vor persönlichen Gewissensentscheidungen. Die Freiheit der persönlichen Gewissensentscheidung ist ihm sogar einen “Merke-Satz” [Link] wert.
 
“‘S sin noch Sachen ehna dra” aus dem “Wegweiser” ist wohl der bekannteste theologische Gedanke Hebels. Dieses Vertrauen zu Gott über den Tod hinaus bildet, nach dem Respekt vor der Bibel, die zweite Klammer seines Glaubens und Denkens. Am Ende des Schatzkästleins erzählen zwei Geschichten von dieser Hoffnung. In “Baumzucht” [Link] motiviert das “Liedlein vom Kirschbaum” im Angesicht eines Grabes zu dem Bekenntnis: “Schlafe du indessen ruhig fort! Dein Maitag bleibt dir auch nicht aus.”, im “Unverhofften Wiedersehen”[Link] ist es die alt gewordene Verlobte des nach vielen Jahren geborgenen Bergmannes, die ein Auferstehungsbekenntnis spricht. Wie Maria Magdalena in der Auferstehungsgeschichte wendet sie sich noch einmal zum Grabe um und sagt: “Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie auch ein zweites Mal nicht behalten.” Interessanterweise fehlt bei diesen Geschichten der “Merke-Satz”. Hebel möchte offenbar, dass wir uns bei den großen Fragen des Glaubens unsere eigenen Gedanken machen können.
 
Insofern wünsche ich Ihnen gute Gedanken. In diesem beginnenden Herbst, zwischen Schöpfungs- und Erntedank, bei der langen Nacht der Demokratie in unserem Landkreis bis hin zum Ewigkeitssonntag.
 
Ihr
Ralph Hochschild
Schuldekan
 
P.S.: Falls Sie neugierig auf Johann Peter Hebel als Theologen sind. Lassen Sie sich zu unserem Online-Seminar “Hebels Glaube” einladen [Link]. Einen besonderen Leckerbissen bieten wir Ihnen am Di., 13. Okt 2026, 19.30 Uhr im Gemeindezentrum Alt-Weil. Der Autor, Pfarrer und Hebel-Experte Thomas Weiß beleuchtet unter anderem mit seinem neuen Hebelbuch “Johann Peter Hebel. Der Heimatflüsterer” die Beziehung zwischen Gustave Fecht und Johann Peter Hebel. [Link]